Wittorfer Brauerei

Ein Besuch in der Wittorfer Brauerei lohnt sich immer, denn der Ausschank findet inmitten der Produktion statt. Schnell ergibt sich auch ein guter Schnack übers Bier und wie man es macht – hier läuft beides praktisch, pragmatisch und unkompliziert.

Roter Backstein prägt das alte Industriegebiet im Stadtteil Wittorf, über dessen ehrwürdige Kopfsteinpflaster dereinst die Produkte der Neumünsteraner Manufakturen ausgeliefert wurden, die den Reichtum und Ruf der Stadt begründet haben. In dem Gebäudekomplex, in dem heute unter anderem die Wittorfer Brauerei produziert, waren zu der Zeit, als sich hier noch eine Gerberei befand, mehr als 600 Menschen tätig.

Handgemacht – damals wie heute

In der grauen Werkhalle, in der sich die Brauerei eingemietet hat, befindet sich praktischerweise auch ein stilvoller Ausschank mit eigenem Biergarten, von dem aus sich die mitlerweile zu Fitnesscentern und ähnlichen Stadtrandservices umgewidmeten geschichtsträchtigen Industriebauten bestens inspizieren lassen. Die industrielle Atmosphäre setzt sich auch im Inneren in vielen liebevollen Details fort. So sind Tanks und Rohrleitungen selbstverständlicher Bestandteil der Inneneinrichtung der Wittorfer Brauerei und die Regale hinter der Theke wurden kunstvoll aus Paletten zusammengeschraubt.

Eingang der Wittorfer Brauerei (Foto: Jan H. Timm)

Vom Problem zum Produkt

Doch so urig die Umgebung auch erscheint, für die Betreiber brachte das Gebäude auch einige Herausforderungen mit sich, Unter vielen Kompromissen ist der wenige vorhandene Platz stets optimal auszunutzen und mehr als einmal um die Ecke geht es in der Brauerei tatsächlich nicht. So muss beispielsweise die Abfüllanlage weichen, wenn Gäste kommen und andersrum.

Als besonders knifflig erwies sich aufgrund von Platzproblemen der Einbau des neuen Sudhauses – also dem Ort an dem in der Brauerei „die Magie entsteht“. Im Wesentlichen handelt sich dabei um zwei riesige Kessel auf einem Stahlrahmen, die kunstvoll und zentimeterweise von zwei Gabelstaplern in die Halle hineingezirkelt werden mussten. Aber der Aktion verdankt die Brauerei mehr als nur ein funktionierendes Sudhaus. Da nämlich die beteiligten Flurförderspezialisten große Liebe zum Weizen äußerten, entwickelte der dankbare Braumeister spontan ein Weizenbier, das den beziehungsreichen Namen Hochstapler erhielt.

Gärtanks in der Wittorfer Brauerei (Foto: Jan H. Timm)

Es ist ja überhaupt mittlerweile so eine Sache mit den Namen der Biere, denn im Zuge der immer weiter auffächernden Craft-Produktpalette sind viele tolle Bezeichnungen bereits vergeben. Aber auch hier finden die Wittorfer mit ihrer pragmatischen Herangehensweise oft den direktesten Weg. Beispielsweise hat sich ja in Anlehnung an den legendären Salvator von Paulaner für Doppelbocks die Endsilbe „-ator“ eingebürgert, was bekanntermaßen bei zahlreichen Brauereien die unglaublichsten Gedankensprünge provozierte. In Wittorf dachte man da einfach ganz geradeaus und produziert seither den „Wittorfator“.

Lob der Dose

Zwischen den vielen Besonderheiten, die die Produktpalette der Wittorfer Brauerei prägen, sticht die Tatsache hervor, dass hier nur auf Dose produziert wird. Das war zunächst rein pragmatischen Gründen geschuldet, denn von der Flaschenproduktion, die hier ursprünglich betrieben wurde, war man rasch abgekommen. Die im Pfandsystem notwendige Aufbereitung geleerter Flaschen war schlicht nicht praktikabel. Da keine Flaschenwaschanlage vorhanden war, mussten die zurückgegebenen Flaschen sogar weggeworfen werden. Inzwischen haben die Wittorfer die Dose für sich als Ideales Gefäß entdeckt. Zum einen ist das Bier in dem absolut luft- und blickdichten Behälter viel besser geschützt, als in Flaschen. Zum anderen sind Dosen deutlich leichter zu transportieren oder zu konfektionieren und gehen auch nicht so schnell zu Bruch – das ist gleichzeitig besser für’s Handling, für die Umwelt und für die Rücken der Mitarbeiter sowieso!

Aber einen Vorteil der Blechbüchse, den andere reine Dosenspezialisten, wie die Münchner Crew Republic oder die von uns oft besprochenen Fuerst Wiacek weidlich ausnutzen, lassen die Wittorfer links liegen: trotz des Platzes, den die Dose dafür bietet, ist das Artwork zwar farbig aber darstellerisch eher sparsam gehalten. Mehr als ein paar rudimentäre Skizzen und ein paar Farbkleckse sind auf den meist reinweißen Dosen nicht zu sehen. Dafür bleiben die Wittorfer hier ebenfalls ihren Prinzipien treu und machen auch grafisch Alles selbst.

Alles am Hahn in der Wittorfer Brauerei (Foto: Jan H. Timm)

Diese Tatsache und die vielen besonderen Ideen der Wittorfer Brauerei sorgen dafür, dass es sowohl vor als auch hinter’m Tresen nicht zu ruhig wird: Warum heißt das Helle „04321“ und was verbirgt sich hinter der Begriffsschöpfung „Stadtbier“? Woran erkennt man ein „Grillwunder“ und was ist bloß der Trick beim „Trick17“? Diese und viele weitere Themen müssen dringend besprochen werden. Dass die Kehlen dabei gut geölt bleiben, dafür ist in der Wittorfer Brauerei gesorgt.

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