Griechenland ist ein seltsames Land. Zumindest, wenn man versucht, die vielen Bilder zusammenzubringen, die man davon im Kopf hat: antike Stadtstaaten, Odysseus und andere weltprägende Mythen, byzantinische Kirchen und dann wieder eine Gegenwart, die mit all dem irgendwie verbunden ist. Die europäische Antikenbegeisterung spielte bei der Entstehung des modernen Griechenlands kräftig mit. Athen wurde erst 1834 zur Hauptstadt – primär wegen seiner großen antiken Vergangenheit.
Aber wir wollen hier ja nicht griechische Geschichte aufarbeiten, sondern Bier trinken.
Mit Bier verbinde ich Griechenland zunächst weniger als mit Wein, Ouzo oder einem kretischen Raki. Die moderne griechische Biergeschichte hat allerdings durchaus eine deutsche, genauer eine bayerische Verbindung: Die Familie Fix baute im 19. Jahrhundert in Athen eine Brauerei auf, die für die Entwicklung des Biers im Land prägend wurde.

Heute lohnt es sich, neben den bekannten Lagerbieren nach kleineren Marken und Brauereien Ausschau zu halten. Im Urlaub auf Thassos im nördlichen Griechenland habe ich mir deshalb ein paar Vertreter vorgenommen: zwei IPAs, ein Pils mit Inselbezug und ein Honig-Pils aus der Gegend von Thessaloniki.
Dabei geht es auch immer wieder um die Temperatur. Denn auch Griechenlands Biergeschäft ist stark saisonal geprägt, und im sommerlichen Glas bleibt ein Bier ohnehin nicht lange kühlschrankkalt. Was bei einem schlichten Durstlöscher ärgerlich sein kann, macht ein komplexeres Bier manchmal erst interessant.
Kirki Pikri IPA – Bitter heißt hier wirklich bitter
Kirki Beers kommt aus Piräus, der Hafenstadt im Großraum Athen, und lässt als Auftragsbrauprojekt brauen. Für das Pikri finden sich über die Jahre unterschiedliche Produktionsverbindungen. Piräus ist deshalb wohl nicht der Ort des Sudkessels.

Der Name aber ist eindeutig: Pikri bedeutet bitter. Und das Bier bemüht sich nicht, diesen Namen zu widerlegen.
Im Glas ist es trüb, darüber bildet sich ein cremiger Schaum, der erfreulich lange hält. Die Nase bekommt zunächst etwas Frucht: Ananas, ein bisschen Pfirsich. Dazu kommen harzige und leicht muffige Noten. Das klingt erst einmal weniger nach unkompliziertem Strandbier.
Auf der Zunge wird es kräftig bitter, begleitet von einer leichten Säure. Direkt aus dem Kühlschrank wirkt mir das nicht ganz ausgewogen. Intensive Bitternoten, wenig Gegengewicht.
Aber dann hilft die griechische Sonne. Das Bier wird wärmer. Bei geschätzt zehn bis zwölf Grad tritt für mich die Malzsüße deutlicher hervor. Sie arbeitet gegen die dominanten Bitternoten, und plötzlich wird aus dem etwas kantigen IPA eine deutlich rundere Sache. Nicht unbedingt milder, aber stimmiger.
Ein Bier also, das ich nicht möglichst schnell und möglichst kalt trinken würde. Ein bisschen Geduld lohnt sich. Die Sonne erledigt den Rest.
Voreia IPA – fast ein Fruchtcocktail
Voreia ist eine Biermarke der Siris Craft Brewery aus Serres, nordöstlich von Thessaloniki. Die Brauerei beschreibt ihr IPA als Zusammenspiel amerikanischer Hopfen und dreier Malzsorten. Das klingt nach einem ähnlichen Programm wie beim Pikri. Im Glas ist es dann aber doch eine andere Geschichte.

Schon die Farbe fällt auf: beinahe so dunkel wie ein Rotbier, dazu leicht trüb (die Brauerei nennt es „bernsteinfarben“). Darüber liegt ein cremiger, beständiger Schaum.
In der Nase finde ich wieder Ananas und etwas Pfirsich, diesmal mit einer leicht erdigen Komponente. Geschmacklich kommt eine kräftige Bitternote dazu, begleitet von einer leichten Säure. Und erneut ein bisschen Ananas.
Anders als das Pikri lässt sich das Voreia für mich auch sehr kühl gut trinken. Die Frucht und die Bitternote passen von Anfang an zusammen. Das hat fast etwas von einem Fruchtcocktail – nur eben mit deutlich mehr Hopfen und ohne Schirmchen.
Wem es trotzdem zu bitter ist, der lässt das Glas ein bisschen stehen. Beim Wärmerwerden kommt der süßliche Malzeindruck stärker durch und fängt die herben Noten ein.
Für meinen Geschmack ist das ein ziemlich passendes Getränk für einen griechischen Sommerabend. Erfrischend, ohne sich geschmacklich wegzuducken.
Droseri Thassitsa – Inselgefühl mit blumigem Pils
Auch auf Thassos selbst lässt sich abseits der üblichen Bierauswahl etwas entdecken. Droseri Thassitsa ist ein junges Bierprojekt mit Bezug zur Insel, das nach eigener Darstellung Anfang 2024 entstand. Das Bier wird als unfiltriertes und unpasteurisiertes Hazy Pilsner beschrieben.

Eine eigene Inselbrauerei darf man allerdings nicht erwarten. Zur Einführung wurde eine Zusammenarbeit mit der Mikrobrauerei Kavala auf dem gegenüberliegenden Festland genannt. Ein Bier für Thassos also, aber nicht von Thassos.
Statt auf ein IPA setzt Droseri auf Pils. Das ist ja erst einmal kein besonders exotischer Ansatz. Aber auch innerhalb eines vertrauten Bierstils lässt sich ein eigener Charakter finden. Die Marke kündigt einen milden blumigen Duft und eine leichte Bitternote an.

Blumig passt zu meinem Eindruck. Dazu kommt beim Trinken eine feine säuerliche Note, die mich ein wenig an eine Gose erinnert. Nicht im Sinne einer Stilzuordnung, sondern als kleine geschmackliche Assoziation: Diese Säure setzt einen zusätzlichen erfrischenden Akzent.
Mehr braucht es hier für mich gar nicht. Nicht jedes Craftbier muss gleich mit einem ganzen Obstkorb oder einer maximalen Hopfenladung aufwarten. Das Thassitsa bleibt näher am sommerlichen Durstlöscher, bringt aber genug Eigenständigkeit mit, um nicht beliebig zu wirken. Ein Pils mit Inselgefühl.
Salonikia Honey Pilsner – Honig, aber bitte dezent
Zum Schluss noch einmal in die Gegend von Thessaloniki. Das Salonikia Honey Pilsner stammt von der Standard Microbrewery of Thessaloniki, die vor allem unter dem Namen Sknipa auftritt.

Honig-Pils klingt zunächst nach einer Idee, bei der einiges schiefgehen könnte. Zu süß, zu schwer oder ein Bier, das vor lauter Zusatz seinen eigenen Charakter verliert. Hier scheint es aber für mich gelungen.
Die Farbe ist klassisch biergolden. Darüber steht ein eher grobporiger Schaum, im Glas zeigt sich eine kräftige Perlage. Die Nase wirkt süßlich und gleichzeitig frisch. Auch im Geschmack bleibt der Honig dezent. Er ist übrigens nicht bloß eine Aromabeschreibung, sondern tatsächlich Teil der Rezeptur. Die Süße puffert für mich die Hopfenbitternote ab, ohne das Bier klebrig wirken zu lassen. Alles bleibt frisch und erfrischend.
Dabei hat das Salonikia mehr Körper als ein leichtes Helles. Es wirkt voller und etwas schwerer, aber eben nicht schwerfällig. Gerade diese Verbindung gefällt mir: ein Bier für ein warmes Land, das seine Erfrischung nicht mit Wässrigkeit bezahlt. Das ist toll austariert und eine wirklich gelungene Kreation.
Griechisches Craftbier – Nicht nur möglichst kalt
Vier Biere sind natürlich noch kein Überblick über eine ganze Bierlandschaft. Aber sie reichen, um meine ursprüngliche Erwartung ordentlich zu verschieben.

Das Pikri braucht für mich etwas Wärme, damit seine kräftige Bitternote ein Gegengewicht bekommt. Das Voreia bringt Frucht, Malz und Hopfen schon kühl überzeugend zusammen. Das Thassitsa setzt auf einen leichter zugänglichen Pils-Charakter mit blumigen und fein säuerlichen Eindrücken. Und das Salonikia zeigt, dass Honig im Bier nicht gleich süßes Honigbier bedeuten muss.
Nicht alles trifft denselben Geschmack, und nicht alles funktioniert bei derselben Temperatur. Aber genau das macht die Auswahl interessant.
Wer im Griechenland-Urlaub nur nach dem kältesten Bier fragt, bekommt womöglich die angenehmste erste Erfrischung. Ein bisschen mehr Neugier bringt dann vielleicht auch das interessantere zweite Glas.
