Auch Österreichs Bierszene ist im Wandel. Bei einem Besuch in Oberösterreich in der Nähe Salzburgs bin ich ein bisschen tiefer in die hiesige Bierszene eingestiegen. Während große Brauereien wie Stiegl aus Salzburg und Traditionsbrauereien wie Trumer bei Salzburg und Rieder oder Eggenberg aus Oberösterreich einerseits seit jeher für Qualität und Handwerk stehen, wagen sie sich andererseits zunehmend an moderne, hopfenbetonte Bierstile – und zeigen damit, dass Innovation und Tradition kein Widerspruch sein müssen. Bei hopfenbetonten Bieren sind in Oberösterreich Pale Ale und IPA besonders im Fokus, aber auch bei stark hopfigem Lager, Hellen oder Pilsen (!) tut sich einiges. Ein Blick in die Gläser lohnt sich.
Große und Traditionsbrauereien
Österreich steht in seiner Biertradition der deutschen in nichts nach. Ehrlich gesagt, gehören die ja auch zusammen. Aber wie sich gerade die großen Brauereien und die Traditionsbrauereien in Österreich entwickeln, ist spannend.
Stiegl Hoppy Hell – Ein Hauch von Sauerbier

Die Salzburger Brauerei Stiegl steht in ganz Österreich für klassische Bierkultur und beweist mit dem Hoppy Hell aller Welt, dass auch klassische Brauereien neue Akzente setzen können. Dieses Bier präsentiert sich vollmundig und cremig, doch die Hopfenbitternote ist so ausgeprägt, dass sie fast an ein Sauerbier erinnert. Nicht ganz ausgewogen, wie selbst behauptet wird, aber im richtigen Food Pairing oder an heißen Sommertagen entfaltet es sein Potenzial. Ein halbwegs mutiger Schritt in Richtung moderne Bierkultur – und ein Beweis dafür, dass Stiegl nicht nur auf Bewährtes setzt. Dazu hat Stiegl das Label „Kreativ Bio Hausbier“ geschaffen. Und das wiederum gibt es dann doch selten: Es ist gebraut mit Aroma-Hopfensorten wie Citra und Saphir – in Bio.
Rieder India Pale Ale – Tradition trifft auf Experiment

Die Traditionsbrauerei Rieder ist nicht ganz so bekannt wie Stiegl, aber schon seit 490 Jahren am Start. Sie geht mit ihrem India Pale Ale ganz selbstbewusst eigene Wege. Das Label ist sehr traditionell gestaltet: mit einem Gemälde eines Hochsee-Segelschiffs; für das heutige Österreich eher untypisch, verweist es auf die East India Company passend zum IPA. Optisch erinnert das Bier selbst mit seiner trüben, rötlichen Farbe und dem schnell fallenden Schaum an klassische Rotbiere. Doch die Nase verrät mehr: Pflaume, Erde und ein Hauch Kirsche dominieren, während die Zunge eine leichte Bitternote und eine gärig-saure Komponente wahrnimmt. Im Abgang kommt dann die kräftige Hopfenbittere durch – ein komplexes Bier, das zeigt, wie Rieder Malz und Hopfen neu komponieren. Im Laufe des Trinkgenusses, wenn das Bier wärmer wird, verschiebt sich das Aroma ins Süßliche, was die Pflaumennoten wieder aufgreift. Nicht jedes Bier trifft ja meinen Geschmack – aber dieses beweist Mut zur Abwechslung gegenüber der hohen Ähnlichkeit von so vielen IPAs untereinander.
Eggenberg Hopfenkönig – Hopfen ja! Aber König?
Der Hopfenkönig ist wohl das am wenigsten neuartige Bier. Wegen seiner Hopfigkeit und seiner Herkunft aus Oberösterreich soll es hier aber auch erwähnt werden. Es handelt sich dabei um ein Helles bzw. Lager, das stark gehopft wird. Und damit ist es auch schon wieder nahe am Pils. Denn obwohl Eggenberg als Privatbrauerei sehr auf innovative regionale Partner setzt, betont dieses Bier die Hopfenbittere und verzichtet auf Hopfen-Aromen. Dabei wären beim Kooperationspartner Mühlviertler Hopfenbaugenossenschaft auch Cascade, Sorachi Ace, Select, Saphir oder Comet zu haben. Wobei ich mir mit dem Fehlen von Aromahopfen nicht ganz sicher bin – der kann hier womöglich dezent erfolgt sein, aber ein dezenter Einsatz von Aromahopfen dürfte mir mittlerweile entgehen.
Trumer Pils Hopfenspiel – Tradition und echter Pioniergeist

Anders macht es das seit 12 Jahren am Markt befindliche Hopfenspiel, welches bereits mehrfach prämiert wurde (in der Kategorie „Pils experimental style”). Und das ist für eine über 400 Jahre alte Traditionsbrauerei wirklich besonders. Trumer aus Obertrumer bei Salzburg haben wir an anderer Stelle bereits mit seinem Zwickel vorgestellt. Die Brauerei kooperiert seit 2004 mit der US Craft Beer Brauerei Gambrinus aus Texas. Seither gibt es nicht nur Trumer in den USA, sondern auch einen Wissensaustausch. Eine weitere Besonderheit für die Gegend: der Fokus auf Pilsener. Hier also ein Pils mit den Hopfensorten Simcoe, Cascade und – schon wieder eine Besonderheit – dem französischen Hopfen Triskel.
Das Bier ist zitronengelb und ziemlich trüb. Die sichtbar intensive Perlage und der grobporige Schaum, der zudem schnell wegbricht, haben mich ein Blubberbier befürchten lassen.
Die Nase ist durch Ananas und Pfirsich geprägt. Aber dann kommt es: das Hopfenspiel ist erstaunlich wenig bitter! Das ist für ein hopfenbetontes Pils überraschend. Die Perlage ist ganz fein und am Gaumen ist es fast nur noch blumig und ein bisschen spritzig. Die drei Hopfensorten spielen perfekt zusammen. Das Hopfenspiel hat nur 2,9 % Alkohol und ist deshalb ein Leichtbier. Der Beiname „Das Leichte“ trägt es daher in mehrerlei Hinsicht zurecht. Und die Auszeichnungen sind verdient.
Ein paar Newcomer: Craftbier-Brauereien mit Kreativität
Auch Österreich wurde, wie Deutschland, von der Craft Beer Welle spät erreicht. In Einzelfällen schon früher, aber in der Breite erst nach 2012. Hier wie dort war der Leidensdruck geringer als in anderen Ländern. Aber nun gibt es auch dort eine Reihe an interessanten neuen Brauereien.
WOIF Jungspund – Alkoholfreies IPA mit Fruchtnote

WOIF, eine Brauerei aus dem Salzburger Land, die ihre Produkte selbst als „Kreativbier“ bezeichnet, beweist mit dem Jungspund Alkoholfreies IPA, dass auch ohne Alkohol viel Geschmack möglich ist. Die blumig-frische Nase und die trübe, bernsteinfarbene Optik mit cremigem Schaum und einer Perlage wie bei Prosecco machen neugierig. Auf der Zunge zeigt sich eine milde Bitternote, untermalt von Ananas, Maracuja und Pfirsich. Im Abgang wird die Bitternote stärker – eine runde Sache, die erneut zeigt, dass alkoholfreies IPA mehr sein kann als nur ein Platzhalter. Meiner Wahrnehmung nach ist WOIF damit eine Besonderheit in der Region.
WOIF Hopfengaudi New England IPA – Fruchtig, trüb und komplex

Apropos WOIF… kommen wir dann mal zu den alkoholischen Craftbieren: Mit dem Hopfengaudi New England IPA setzt WOIF nämlich noch einen drauf. Eine sehr fruchtige Nase, eine trübe, weiß-goldene Farbe und ein cremiger Schaum, der sich zwar nicht auftürmt, aber eine stabile Ebene bildet: Das alles macht das Bier optisch und olfaktorisch ansprechend. Geschmacklich dominieren Ananas, Limette und eine ordentliche Portion Bitternote. Die Hopfensorten Mosaic, zwei klassische C-Hops und Simcoe sorgen für eine ausgewogene, aber intensive Aromenvielfalt. Ein Bier, das den Namen „Kreativbier“ durchaus verdient.
The Beer Buddies: Auch in der Landeshauptstadt wird gecraftet

Die Beer Buddies aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz nennen es „Session IPA“, aber es ist nicht zu ermitteln, was für eine Session gemeint ist. Aber was soll’s: dieses Session IPA braucht sich mit seinen Aromahopfen Simcoe, Centennial und Chinook nicht zu verstecken.
Es bringt einen intensiven cremigen Schaum hervor. Das Bier ist halb trüb und zeigt eine intensive Perlage. Die Nase registriert Ananas und Maracuja. Der Geschmack ist dann herbe Ananas, die bis zum Abgang bleibt. Die Perlage ist leicht prickelnd. Was für ein erfrischendes Getränk!
IIPA Affenkönig: Mit Wums aus Wien

Ein bekannter Vertreter der Hauptstadt Österreichs soll auch noch erwähnt werden. Denn gebraut wird in Salzburg, nur der Sitz ist in Wien. Brew Age hat ein Imperial IPA gebraut. Imperial bedeutet ja: von allem ein bisschen mehr. Beim Malz kann ich das bestätigen. Und auch beim Alkohol mit 8,2 %. Und das schmeckt man auch: das Malz bringt seinen dunkel fruchtigen Geschmack dazu. Pflaume zieht sich hier durch. Und auch hier: je wärmer das Bier, desto intensiver ist dieses Malz-Aroma zu schmecken. Da sind sich dieses IIPA und das IPA von Rieder ähnlich. Den Alkohol schmeckt man deutlich. Auch das IIPA Affenkönig hat den kleinen Nachteil, dass es meinen Geschmack nicht ganz trifft. Aber Imperial ist es auf jeden Fall.
Österreichs Craftbier-Szene in Bewegung
Österreichs Bierlandschaft ist vielfältiger denn je, wie sich an diesem Einblick in die Szene von Salzburg und Oberösterreich zeigt. Während die ”alten Hasen” beweisen, dass Tradition und Moderne keine Gegensätze sein müssen, führen Beer Buddies, Brew Age und WOIF durch Kreativität und Handwerk zu neuen Geschmackserlebnissen. Ob mit Alkohol, mit wenig oder auch ohne, ob trüb oder klar, ob fruchtig oder herb und ob Tradition oder Newcomer: Die oberösterreichische und Salzburger Bier-Szene hat jede Menge zu bieten.
